Ein Kirchengebäude als Resonanzraum
(Christine Jann) Der Start ins Jubiläumsjahr am vergangenen Sonntag, 11. Januar setzte mehrere Ausrufezeichen: Der Chor Windrose sorgte stimmgewaltig mit Weihnachtsliedern aus aller Welt für eine schwungvolle musikalische Gestaltung. Max Höringer, langjähriger Organist von Hl. Geist, begleitete die Lieder für den Gemeindegesang. Ja, und dann war da Martin Knöferl, der vor etwa 40 Jahren als Gemeindereferent in der Pfarrei tätig war. Jetzt kehrte er als Leiter der Abteilung Supervision und bekannter Künstler in „seine“ Hl. Geist – Kirche zurück und stimmte die Gemeinde geistlich ein.
In seiner ruhigen und bedächtigen Art erzählte der Handwerker und Künstler Knöferl zu Beginn des Gottesdienstes von den Problemen, die ihm ein kleines Kreuz machte, das in seiner Halterung einfach nicht geradestehen wollte. Dabei sei es am Ende eine winzige, fast nicht sichtbare Kleinigkeit gewesen, die es dann ins Lot brachte. Dieses Ausrichten, selbst ausgerichtet zu sein, sei aber so wichtig für Menschen. Für ihn sei immer das Kreuz der Fixpunkt, an der er sich und sein Leben ausrichte. Mit der Aufforderung, zum Einstieg in den Gottesdienst noch einmal ganz bewusst das Kreuzzeichen zu machen, lud er die Kirchenbesucher ein, es ihm darin gleich zu tun.
In seiner Predigt griff Knöferl die gesellschaftliche Analyse des Soziologen Hartmut Rosa auf, um sie spirituell noch zu vertiefen und schlussendlich den Kirchenraum als Resonanzraum zu würdigen.
Für den Wissenschaftler Rosa ist unsere Gesellschaft v.a. durch das Bestreben gekennzeichnet, alles zu beherrschen, die Welt immer mehr für sich verfügbar zu machen. Die Menschen heute suchten ihr Glück darin, die eigene „Weltreichweite“ immer weiter zu vergrößern – mehr zu besitzen, mehr zu erreichen, immer mehr, mehr, mehr… Die damit verbundene Beschleunigung, neben dem immer mehr auch immer schneller, führe zur Entfremdung – Entfremdung von uns selbst, von anderen, von der Natur usw. Nicht nur die Welt, auch die Menschen würden so zu Objekten. Im Bestreben, immer mehr verfügbar zu machen, gerieten die Menschen in einen „Aggressionsmodus“, formuliert es Hartmut Rosa. Das mache weder glücklich noch zufrieden noch dankbar.
Knöferl stellte dem eine ganz andere Erfahrung entgegen: „Manchmal geschieht es, dass mich etwas im Inneren trifft“ – ein Musikstück, ein Wort, eine Lichtstimmung, ein Mensch. Etwas oder jemand spricht mich plötzlich im Innersten an, es geschieht ein „per-sonare“, ein „Durchtönen“, dem ich antworten (re-sonare) möchte. Hier entstehe eine Verbindung, eine Resonanz, die Menschen bewegt und verwandelt.
Zu solchen Erfahrungen gehöre aber auch die wichtige Erkenntnis: „Es geschieht nicht ohne mich, aber ich kann es nicht machen.“ Man könne sie eben nicht herstellen, wie der Aggressionsmodus sich das vorstelle. Diese Unverfügbarkeit mache solche Erfahrungen zu einem großen Glück, über das man nur froh und für das man nur dankbar und demütig sein könne.
„Was für ein Glück, wenn ein Raum, ein Ort, dieser Kirchenraum von Hl. Geist mich anspricht. Was für ein Glück, nicht allein hier zu sein. Was für ein Glück, sich in diesem Resonanzraum geborgen zu wissen.“
Mit diesen Worten beendete Knöferl seine Ansprache mit einem Gegenkonzept zum herkömmlichen Glücksstreben unserer Welt.
Pfarrer Kohler würdigte diese Ansprache, die sich nicht in der Architektur und Geschichte der Hl. Geist Kirche erschöpfe, sondern die spirituelle Bedeutung herausarbeite: die Kirche ein Raum, der einlade zur Begegnung mit dem unverfügbaren Gott.
(Bilder: Christine Jann)